Gedanken dazu, und was meiner Ansicht nach in der öffentlichen Diskussion darüber, ob man allen Lehrern “zwei” unbezahlte Überstunden abverlangen soll, nicht oder nur unzureichend erwähnt wird.
Zunächst müssen wir das mit den zwei Überstunden (zwei Stunden mehr in der Klasse) genau definieren. Wie man weiß, stehen Lehrer, die Vollzeit arbeiten, etwa 20 Stunden in der Klasse. Die restliche Arbeit (Vorbereiten, korrigieren, Veranstaltungen und Projekte organisieren, Schüler und Eltern beraten, an der Verbesserung/Entwicklung der Schule arbeiten, Besprechungen mit anderen Lehrern, sich im Fach weiterbilden etc.) wird von niemandem so genau festgehalten, macht aber weitere 10-40 Stunden aus (grobe Schätzung von mir, die ich auch von verschiedenen Lehrern gehört habe). Also kann man von einer Streuung von 30-60 Stunden Arbeitszeit in der Woche ausgehen.
1. Wirtschaftlich gesehen: Wenn Lehrer 2 Stunden mehr in der Klasse stehen sollen, braucht man für die selbe Anzahl an Klassen weniger Lehrer. 2 Stunden sind 10% der Arbeitszeit – man braucht also um 10% weniger Lehrer für dieselben Stunden. 10% der Lehrer verlieren somit ihren Job. Nur um eine Vorstellung der Größenordnung zu geben: 10% aller AHS-Lehrer in Österreich – das sind 20.000 Personen. (Quelle für die Zahl: Wikipedia/Der Standard)
Welche Lehrer werden gehen müssen? Die jungen, die sind ja nicht pragmatisiert. Welche Lehrer kosten mehr? Die alten. Die jungen, billigen wirft man also raus. Die Älteren werden also weiterhin in hörere Gehaltsstufen klettern und irgendwann in Pension gehen. Und dann werden die jungen, die jetzt ihre Jobs verlieren, möglicherweise nicht mehr sehnsüchtig auf eine Stelle warten, sondern was anderes gefunden haben.
2. Abgesehen davon sind die “alten” Lehrer nach etlichen Dienstjahren, so weit ich das mitbekommen habe, es langsam leid, Aufgaben wie Klassenvorstand, Kustos, Bibliothekar, Nachmittagsbetreuer, Administrator, Schulbuchaktion-Koordinator etc. zu übernehmen – das wird/wurde so schnell wie möglich zu großen Teilen an die Jungen abgegeben. Wenn die jetzt wieder weg sind – viel Spaß!
3. Wenn jetzt die “Zwischenschicht” von Lehrern, die noch viel Kontakt zur alten Generation hat und sich quasi was abschauen kann, verschwindet, und erst wenn alle Alten in Pension gehen, wieder neue Lehrer eingestellt werden, dann können die das Rad neu erfinden. In einer Schule arbeiten heißt ja nicht nur Unterrichten, sondern jede Menge Organisatorisches (Administration,…), und da gibt es sicher einige bewährte Tricks, die verloren gehen.
4. Im Übrigen leistet auch jetzt schon so mancher Lehrer haufenweise Überstunden, da es ja an Lehrern mangelt. Glücklicherweise werden die (noch) bezahlt!
5. Das Argument, dass die Lehrer dann mehr Zeit für die Schüler hätten, ergibt natürlich keinen Sinn. Man müsste die Stundenkürzungen von vor ca. 7 Jahren zurücknehmen, dann hätten Lehrer vielleicht die Möglichkeit, innerhalb eines Jahres tatsächlich die gesamte Klasse beim Namen zu kennen. Mit einer Stunde in der Woche stell ich mir das nämlich schwierig vor. Wenn sie jetzt 2 Stunden mehr arbeiten, bedeutet das in den meisten Fällen, dass der Lehrer eine weitere Klasse dazu bekommt – also noch 25-30 Schüler mehr, also weniger Zeit und Aufmerksamkeit für den einzelnen Schüler.
6. 2 Stunden mehr in der Klasse – 4 Stunden mehr Arbeit. “Dann sollen sie halt weniger vorbereiten – man kann ja alte Vorbereitungen verwenden!” – Also – man soll sich halt dann eine seiner Klasse aussuchen, die man einfach mit alten Vorbereitungen unterrichtet. Man nimmt einfach die Klasse, die einem am unsympathischsten vorkommt und in der macht man nichts als seine 2 Stunden abzusitzen.Ihre Hausübungen korrigiert man dann auch nicht. Oder man gibt erst gar keine. Und Lehrausgänge und Schikurse brauchen die auch nicht. Hm, klingt interessant!
Wollten wir unser Bildunssystem nach PISA (das ist eine andere hinterfragenswerte Geschichte, aber darüber schreibe ich vielleicht ein anderes Mal) nicht verbessern??
Noch zwei unlustige Kuriosa zum (vorläufigen) Schluss: Eine Bekannte von mir hat ihr Lehramtsstudium abgeschlossen. Eins ihrer Fächer ist sogar Sport (sehr gefragt!!!). Sie hat Kontakt zu einer Schule, wo man sie dringend brauchen würde, die Direktion würde Sie sofort einstellen ABER: Das macht ja nicht die Direktion sondern der Stadtschulrat – und der stellt zur Zeit offenbar niemanden ein. Wir haben ja Lehrermangel. Logik? Stattdessen lässt man die übrigen Lehrer halt mehr Überstunden machen (bald umsonst?).
Eine andere Bekannte von mir unterrichtet seit ein paar Jahren und hat sage und schreibe 6 Klassen in Deutsch (normal wären 2-3). Stellt euch mal vor, wie lang man da jede Woche sitzt und korrigiert. Ziel: Burn-Out vor dem 30. Geburtstag? Machbar wär’s auf diese Art.